Upcoming: Agnieszka Polska und Sam Samiee -- Two-Headed Horse

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Upcoming: Agnieszka Polska und Sam Samiee
Two-Headed Horse
16/10/2021 - 23/12/2021

Eröffnung: 15. Oktober 2021, 17 - 20 Uhr

 

Agnieszka Polska und Sam Samiees Two-Headed Horse ist eine Ausstellung über die Feinheiten der perfekten Perspektive: Momente, die uns in Sein und Zeit die Fähigkeit verleihen, magische Dinge zu erleben. Lichtspiele und Poesieformen, die nur aus einem bestimmten Blickwinkel sichtbar sind. Man stelle sich die Absicht hinter einem sorgfältig angelegten Persischen Garten vor; einen blühenden Chinesischen Mandelbaum, der seine Blütenblätter zärtlich in einen Teich fallen lässt.
Die Verwandlung liegt jedoch nicht nur im Beobachteten: wir, die Beobachter, werden auf eine Reise entführt, die sowohl was wir sehen als auch wie wir sehen verwandelt. So wandern wir durch die mittelalterliche Schatzsuche des Lebens: Wesen der Dunkelheit und des Lichts, umgeben von Dunkelheit und Licht, ständig voneinander abprallend, in einem endlosen Tanz der Veränderung.

Die Prämisse ist einfach: unsere Künstler wandern gemeinsam in den zentraleuropäischen Bergen, wo sie plötzlich ein zweiköpfiges Pferd sehen und filmen. Wie ritterliche Helden auf einer heimtückischen Suche nach genau diesem Moment folgt die Ausstellung den Schritten der beiden: wo - und wer - muss man für diese Beobachtung sein? Gemeinsam begeben wir uns auf eine Initiation: eine Reise entlang der heimtückischen Kluft zwischen Sinn und Unsinn, über den tobenden Fluss des Chaos in den Rittersaal der Burg wo wir endlich, von der Wand hängend auf einer tanzenden Fahne, dem Emblem der Würde begegnen.

Wir beginnen diese Reise in einer Höhle, neben Bataille, der beobachtet: “Was diese bewundernswerten Fresken mit einem jugendlichen Visier verkünden ist nicht nur dass der Mensch, der sie malte, durch das Malen aufhörte ein Tier zu sein - sondern dass sein Tiersein dadurch endete dass er dem Tier, und nicht sich selbst, ein poetisches Bildnis verlieh welches uns verführt und souverän erscheint.”*
Die Gleichheit soll uns Menschen nicht erlauben, uns am Boden unserer Fähigkeiten niederzulassen, sondern uns dazu inspirieren, uns zu kultivieren, zu schleifen und zu perfektionieren, bis wir die Enthüllung aller Zauber des Universums verdient haben.

Unsere Reise geht weiter - vorbei an den schweren Geburten der Modernisierung und der Digitalisierung in die heutige Welt, wo wir langsam das Fruchtwasser erkennen, das uns Polska und Samiee geboren hat: zeitgenössische Dichter, deren Prozess die Welt zu zerkauen und auszuspucken nicht mehr durch den idyllischen Waldspaziergang in die Gänge kommt. Vorbei sind die Zeiten von Linnaeus, Freud und Jung, als die Welt noch klassifizierbar war: wir leben nun in einer Zeit des Chaos, und unsere Künstler schöpfen von den endlosen Daten - Bilder, Töne, Buchstaben und Wörter - mit denen wir in unserem Wagnis durch das 21. Jahrhundert beworfen werden.
Beide Künstler, auf ihre eigene Art und Weise, heben diesen Mammut und schleudern ihn uns zu - sei es nun auf einer Leinwand oder auf einem Bildschirm. Ihre Werke beinhalten mehr als nur ein visuelles Erlebnis: Samiees Bilder sind Darstellungen des Geistes, umrahmte Rahmen. Wir sehen mehr als nur Farbe: wir sehen Tanz, wir sehen Worte, wir sehen Nachbilder die einer dunklen Materie entspringen, die sie - von innen - auf unseren Geist projektiert.  

Polska dichtet mit ihren markanten Bildnissen: Landschaften des Unterbewusstseins, mit Worten versetzt und in einer derart jenseitigen Art gesungen, dass wir den absoluten Messwert der Zeit in Frage stellen. Mit scheinbar leeren Szenarien werden wir in unsere Pandemie-Gefangenschaft zurückversetzt: durch die Augen eines Paares, eingekapselt in einer Blase aus Innigkeit und Liebe, beobachten wir die Welt durch ein digitales Guckloch. Und die Welt starrt zurück, sie zerschmilzt in Pixel und taucht in Form von neuen Landschaften wieder auf: “die Liebe ist ein Token auf dem Datenmarkt”, sagt der Dämon. Eine Gabe die wir machen müssen, um teilnehmen zu können. Es scheint, als hätten wir endlich lange genug in den Abgrund geblickt: der Abgrund blickt in uns hinein.

Hier sind wir nun - unser wandernder Geist ein Archiv, das diese Fülle an Impulsen, diese Menge an Nichts, endlos multipliziert. Umgeben von einem Crescendo an Daten und Information, hat unser überforderter Geist keine Wahl, als Gott zu sehen: konfrontiert mit einem grenzenlosen und unbegreiflichen Phänomen können wir nicht anders, als im Konzept des Göttlichen Zuflucht zu finden.    

Und dennoch besteht diese Ursuppe von Allem auch aus einem Grossteil Nichts. Das Bildnis der Sache ist nichts als die Abwesenheit der Sache**. Wir erleben, wie Ikonen zu Asche werden, einst heilige Wörter verlieren ihren Zauber im Flimmern eines Propaganda-Bildschirms; Kunstwerke werden zu Inflation und Deflation: alles in einer lauthalsen Darstellung der Absurdität, leeren Dingen überflüssigen Wert zuzuschreiben.

Und so, umgeben von Lärm, betreten wir den Rittersaal. “Lärm ist eine Frage der Skala”, antworten wir dem Dämon: der Bann ist gebrochen. Wir erkennen das zweiköpfige Pferd, ein tanzendes Bildnis, gebadet in einer Engelsstimme. Und wir fragen uns ob wir in all diesem Überfluss einen Sinn erkannt haben - ob wir es geschafft haben, die Skala zu durchbrechen. Wie König Arthur wagen wir einen Versuch, Excalibur herauszuziehen. Schaffen wir’s?

 

Shanay Hubmann

 

 

* übersetzt aus The Cradle of Humanity, George Bataille, page 60, translated by Michelle Kendall and Stuart Kendall, 2005, Zone Books
** Zitat aus Klossowski, peintre-exorciste, Regie: Pierre Coulibeuf, letzte Episode, 1988